Freitag, 20. Dezember 2013

Züge im Nebel

Mir hatte die Sache von Anfang an nicht gefallen. Stanislaus meinte, weil es zweimal gutgegangen war, würde es auch das dritte Mal klappen. Mir leuchtete das nicht ein, aber schließlich ließ ich mich breitschlagen. Hätte ich nein gesagt, wäre mir jetzt wohler, und den Schnaps hier hätte ich verkauft, anstatt ihn selber zu trinken.

Wir fuhren am Abend ziemlich früh raus, Stanislaus und ich. Die Gegend kennst du bestimmt nicht, und ich will dir auch nicht so genau beschreiben, wo es ist. Jedenfalls stellten wir das Auto bei einem Bauern ab, der ist ein Geschäftsfreund von uns. Ich ließ mir ein paar Spiegeleier braten, und Stanislaus ging noch schnell bei Paula vorbei, die ist Magd nebenan. Dann stolperten wir los. Da muss man schon Bescheid wissen, wenn man sich da nachts zurechtfinden will.

Ich war schlechter Laune und sagte zu Stanislaus, er solle das verdammte Rauchen lassen, das ist doch schon beinahe was wie im Steckbrief ein besonderes Kennzeichen. Aber er kann nicht aufhören damit, er raucht von morgens bis abends und noch länger. Er sagte, ich wäre überhaupt ein Angsthase, und das ärgerte mich. Schließlich steckte ich mir selber eine an.

Wir gingen quer über die Felder zum Bahndamm. Es war ein ekelhafter Nebel da, weil es so nahe am Wasser ist. Die Bahn ist eigentlich zweigleisig, aber wo die Brücke gesprengt war, ist erst ein Gleis wieder rübergelegt. Die Züge fahren hier ganz langsam, und das ist eine prima Stelle zum Aufspringen. Und weil ein paar Kilometer weiter wieder so eine langsame Stelle ist, kommt man auch gut wieder runter. Und das ist für uns natürlich wichtig. Ich habe nämlich gar keine Lust, irgendein Stück von mir auf die Schienen zu legen, wenn gerade was drüberrollt.

Übrigens stammt die ganze Idee von mir. Ich war draufgekommen, als ich selber mal die Strecke fuhr und zum Fenster raussah. So eine Idee ist Gold wert, mein Lieber, aber mich kotzt sie jetzt an. Wir saßen unten am Bahndamm auf einem Stapel Schwellen und froren jämmerlich. Der Nebel schien noch dicker geworden zu sein. Der einzige Vorteil war, dass man in der nassen Luft die Züge von weither hörte. Der erste kam aus der anderen Richtung, den konnten wir nicht brauchen. Der zweite war ein Personenzug. Man hörte ihn noch lange, nachdem er über die Brücke gerumpelt war. Dann war es still. Stanislaus rauchte, und hin und wieder tat ich’s auch. Wir gingen ein paar Schritte hin und her, um uns zu erwärmen. Stanislaus erzählte seine oberschlesischen Witze, die ich alle schon kannte. Dann sprachen wir von Gleiswitz und von der Schillerstraße, und das machte uns ein bisschen warm. Auf einmal pfiff in der Ferne eine Lokomotive, und wir machten uns wieder fertig.

Der Güterzug, der jetzt kam, fuhr ziemlich schnell. Ich wusste auch genau, dass da nichts für uns drin war. Ich habe das im Instinkt, Ich winkte Stanislaus ab, aber der war ganz versessen, er schwang sich auf einen Wagen und schrie: „Emil, nimm den nächsten!“ oder so was Ähnliches, und dann war er im Nebel verschwunden. So was Dummes! Den Wagen kriegte er bestimmt nicht auf. Aber er weiß immer alles besser. Ich ließ den Zug vorbeifahren und wartete weiter. Warten muss man können. Drei in der anderen Richtung, und ich ärgerte mich schon, dass heute gar nichts klappte. Die Kälte ging mir immer tiefer, und Stanislaus kam nicht zurück, obwohl mehr als zwei Stunden vergangen waren. Ich blieb auch sitzen, als es wieder pfiff, und erst als die Lokomotive vorbei war und ich sah, dass es ein guter Zug war, kletterte ich auf den Bahndamm. Das Unglück wollte es, dass er sogar hielt. Kann man da widerstehen, wenn man so direkt eingeladen wird? Ich hangelte mich hoch, löste die Plombe, und als wir abfuhren, wusste ich schon genau Bescheid, dass es Medikamente waren. Hier und da waren rote Kreuze drauf und so Apothekerwörter. Ein Paket, wo ich dachte, dass Morphium drin sein könnte, schmiss ich gleich raus. Das war natürlich dumm, weil wir nun auf beiden Flussseiten die Sachen auflesen mussten. Aber das hatte ich mir im Moment nicht überlegt, die Gelegenheit war zu günstig gewesen.

Das andere waren alles größere Kisten, die ich so nicht gebrauchen konnte. Als ich die erste auf hatte, fuhren wir gerade über die Brücke. Ich gebe zu, dass der Lokführer trödelte, vielleicht lag es auch an den Signalen, aber ich kann auch sagen, dass ich genau und schnell gearbeitet habe.

Die Kartons, die in der Kiste waren, sah ich mir nicht weiter an. Ich schmiss zwei und noch mal zwei raus, als wir drüben waren. Der Zug hielt schon wieder. Ich guckte raus und überlegte, ob ich absteigen sollte.

Da sehe ich etwas wie eine dunkle Gestalt neben dem Zug und sah de Lichtpunkt von der Zigarette. Ich rufe: „Stanislaus!“ und er kommt rauf, und ich helfe ihm noch. Er knipst gleich seine Taschenlampe an und guckt in die aufgebrochene Kiste, sagt aber keinen Ton. Verdammt noch mal, ich muss in dem Augenblick nicht ganz bei mir gewesen sein, sonst hätte ich doch was gemerkt.

„Nimm deine dämliche Taschenlampe weg!“, sag ich zu ihm, weil er mich von unten bis oben anleuchtet und direkt ins Gesicht.

„Ich glaube, wir hören auf“, sage ich noch, „mehr können wir gar nicht wegschaffen, bis es wieder hell ist.“ Und da merke ich auf einmal, was ich für ein Rindvieh bin und dass es einer von der Bahnpolizei ist.

Ich springe gleich raus und er hinterher. Als ich den Bahndamm runter will, schrie er „Emil! Emil!“ hinter mir her, und das machte mich ganz irre. Es war also doch Stanislaus, wie? So was Verrücktes!

Jedenfalls hatte er mich auf einmal gepackt, und ich fühlte etwas im Rücken, was bestimmt ein Pistolenlauf war. Ich nahm ganz mechanisch die Hände hoch. „Stanislaus?“, fragte ich noch ganz dumm.

Er durchsuchte mich und nahm mir mein Werkzeug und die Lampe ab. Waffen fand er natürlich nicht, so was nehmen wir nicht mit, unser Handwerk ist friedlich. Dann zog er mir die Brieftasche raus. „Emil Patoka“, sagte er.
„Woher wussten Sie vorher meinen Namen?“, fragte ich. „Setz dich hierhin!“ Und er schubste mich auf einen Grenzstein. „Ich heiße Gustav Patoka.“
Er hätte mich nicht so schubsen brauche, ich hätte mich von alleine hingesetzt, so erschlagen war ich.
„Gustav Patoka, so“, sagte ich. Ich kannte nur einen Gustav Patoka, und das war mein Bruder.
„Wo sind die Pakete?“, fragte er.
„Ich hab’ sie rausgeschmissen.“
„Wieviel?“
„Vier“, log ich, denn so erschlagen wie ich war, eine Hintertür wollte ich mir doch noch aufhalten. Ich dachte an das erste Paket, und dass es drüben auf der anderen Flussseite lag und dass vielleicht Morphium drin war. Morphium ist immer ein gutes Geschäft. Es gibt Leute, von denen kannst du alles dafür kriegen.

Mir war ganz komisch zumute. Da saß ich und war also offenbar festgenommen. Oder nicht? Und der Polizist hieß Gustav Patoka und war mein kleiner Bruder. Da ging er mit langen Schritten auf und ab. Das war so Gustavs Art, wenn er über was Schwieriges nachdachte. Klar, ich war ein schwieriger Fall.

„Der Zug fährt ab“, sagte ich, weil ich dachte, er müsste vielleicht mitfahren. Aber er guckte bloß ganz flüchtig hoch, und dann ging er wieder hin und her, eine ganze Weile, dass es mir immer komischer wurde. Inzwischen rollte der Zug vorbei, das Schlusslicht verschwand auch, und man hörte das Geräusch immer leiser in der Ferne. Jetzt waren wir beide ganz allein mitten in dem Neben. Wo war bloß Stanislaus hingekommen? Ich ärgerte mich, weil er doch eigentlich an allem schuld war. Dieser Idiot, wenn er nicht aufgesprungen wäre, wäre alles ganz anders gekommen.

„Gustav“, sagte ich, „wenn du mein Bruder bist, könntest du mir wenigstens die Hand geben, anstatt mich ein einen Verbrecher zu behandeln.“
„Was bist du denn sonst?“
„Hör mal, Gustav, ich mache dir einen Vorschlag. Wir arbeiten bisher bl0ß zu zweit. Wenn du jetzt mitmachen würdest, wie? Ist das keine Idee? Du, ich rede mit meinem Kumpel drüber. Gustav, mach mit! Es lohnt sich! Und du als Polizist; das wäre prima .... Mensch, Mensch!“

Ich wurde ganz aufgeregt, denn das war tatsächlich eine gute Idee. Ich sprang vor Eifer auf und wollte ihn beim Arm packen, aber da stieß er mich zurück und sagte: „Halt’s Maul!“

Nun ja, er war bei der Polizei, aber er war doch mein Bruder, und einen vernünftigen Vorschlag wird man doch noch machen dürfen. Ich werde ich schon noch rumkriegen, dachte ich.
„Wie bist du bloß zur Polizei gekommen?“
„Ich fand keine andere Arbeit, und schließlich ist das doch ein anständiger Beruf. Jedenfalls besser als deiner.“
Darüber hätte ich natürlich mit ihm streiten können, aber Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
„Weißt du was von Vater?“, fragte ich.
„Ich habe jetzt Nachricht. Er ist im vorigen Jahr gestorben.“
„Gestorben?“
„Er war bis zuletzt zuhause. Ich wollte grade rüberfahren, ihn holen.“
Ich musste ein bisschen schlucken, denn ich hatte meinen Alten immer gerne gehabt.
„Ich hab’s mir gedacht“, sagte ich, „ich habe mir gedacht, dass ich ihn nicht mehr sehe. Jetzt wäre er gerade sechzig geworden. Das ist doch keine Alter zum Sterben. Was hat er denn gehabt?“
„Er ist verhungert.“
Mein Alter, dem das Essen immer so viel Spaß machte, verhungert! Das waren ja schöne Nachrichten!
„Du bist ein Gemütsmensch“, sagte ich.
Und er antwortete: „Das hab’ ich vielleicht von dir so angenommen.“

Ich muss dir das erklären, warum er das sagte. Er sagte das, weil ich ihn nämlich erzogen hatte. Da wunderst du dich, aber es ist tatsächlich so. Mutter starb bald nach seiner Geburt. Vater musste jeden Tag in die Arbeit. Die Nachbarin half aus, aber weil ich schon acht Jahre alt war, musste ich das meiste machen, wenn ich nicht geradein der Schule war. Ich hab’ ihm die Windeln gewaschen und hab’ ihn gewickelt. Bloß an die Brust legen konnte ich ihn nicht. Ich hab’ ein bisschen Mama bei ihm gespielt. Später passte ich auf, dass er sich die Ohren wusch und dass er die Schulaufgaben machte. Überhaupt, solange ich zuhause war, hatte ich mir das so angewöhnt, immer auf ihn aufzupassen. Er lief mir nach wie an der Leine.

Ich sagte: „Ich habe auch nicht gedacht, dass ich dich noch mal sehe.“
„Passt dir wohl nicht?“
Das überhörte ich. „Wo warst du denn die letzten Jahre, wo ich nichts mehr von dir weiß?“
„In Frankreich, dann im Ruhrkessel, dann in Gefangenschaft-"
„Da hätten wir uns überall begegnen können.“
„Ist jetzt auch noch früh genug. Oder zu spät, wie man’s nimmt.“
„Red’ nicht so dusselig!“
„Und du bist also von Beruf Schwarzhändler?“
„Mein Gott, ich verkaufe die Sachen zu den Preisen, wie sie geboten werden. Wie du das nennst, ist mir egal. Außerdem bin ich arbeitslos. Ich bin tatsächlich arbeitslos, ganz ohne Schwindel.“
„Und außerdem“, sagte er, „bist du ein Räuber und Bandit.“
„Ach“, sagte ich, „darunter habe ich mir als Junge immer was Großartiges vorgestellt. Da hatten wir doch zuhause ein Buch, weißt du, das grüne mit dem fettigen Deckel!“
„Ja“, sagte er, „in der Schublade, wo die Gabeln lagen. Ich kenne doch das Buch. Der Held der Abruzzen heißt es.“
„Siehst du, und das habe ich mindestens zwanzigmal gelesen. Aber dass ich jetzt auch so ein großartiger Räuber wäre, kann ich nicht sagen. Ich habe noch keine jungen Gräfinnen gerettet und keinen verjährten Mord gerächt. Und jetzt sagst du, ich wäre ein Räuber! Nee, Gustav, so großartig ist die Wirklichkeit nicht.“
„Du bist ein Räuber und Bandit. Und mein Bruder“, gab er mir eins drauf, „und das ist das Schlimmste.“
„Das ist eine Gemeinheit von dir, zu sagen, dass das das Schlimmste wäre! Und sieh mal, jeder tut heute irgendwas, was er nicht darf. Wer lebt denn bloß von der Lebensmittelkarte! Jeder schwindelt, jeder betrügt, bloß der eine ein bisschen mehr und der andere ein bisschen weniger.“
„Hör mal“, sagte Gustav, „da gibt es also, wenn man die Welt richtig ansieht, gar keinen Unterschied zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch?“
„Seihst du, jetzt kommst du allmählich dahinter. Das sind alles bloß kleine Unterschiede.“

Da kommt er ganz nah an mich ran und guckt mich an, dass mir angst wird. „Ich will wissen, ob das dein Ernst ist!“ Er fasste meine Hände und drückte mir die Knöchel, dass es mir weh tat. „Ich weiß nicht, ob dir noch irgendwas heilig ist und ob du schwören kannst. Aber sag mir beim Andenken unserer verstorbenen Eltern, hörst du, sag mir, dass das dein Ernst ist.“
„Natürlich“, sagte ich, „natürlich ist das mein Ernst.“ Er ließ mich los und ging wieder auf und ab, aber mir kam es vor, als sei er viel ruhiger. Vielleicht wird er jetzt vernünftig, dachte ich, aber ich weiß auch nicht, ich hatte einfach Angst, ganz entsetzliche Angst, und mir war es auch klar, dass noch irgendetwas kommen würde.

„So“, Gustav blieb plötzlich stehen, „jetzt will ich dir noch was von mir erzählen, was du bestimmt noch nicht gewusst hast. Oder doch? Hast du gewusst, dass du bis vor einer halben Stunde der einzige Mensch warst, auf den ich felsenfest vertraut habe! Bis vor einer halben Sunde, und ganz und gar weg ist es erst seit zwei Minuten.“

Mir schlug das Herz bis zum Halse, sage ich dir. Jetzt war es da, das Furchtbare.

„Du warst mein großer Bruder, aber du warst noch viel mehr als das. Du hättest es vielleicht nie erfahren, und ich schäme mich auch schrecklich, lauter so große Worte in den Mund zu nehmen, aber alles, was rein und stark war und fest und sicher und treu und anständig und ehrlich, alles, was gut war, das warst du. Du kannst darüber lachen, jetzt ist es mir egal. In all den Jahren, wo du weg warst, waren die schönsten Tage die, wenn du auf Urlaub kamst. Ich habe immer geheult, wenn du wegfuhrst, ich hatte Angst um die, wenn du draußen warst. So ein alberner Junge war ich, so ein Kind. Und später, als ich auf einmal selber erwachsen war und mich allein zurechtfinden musste, da hab’ ich mir immer vorgestellt, wie du alles machen würdest, und dann war es richtig. Was würde Emil dazu sagen, was würde Emil hier tun? So habe ich mich bestimmt alle Tage gefragt. Es ist zum Lachen, aber ich glaube, ich verdanke es dir, dass ich bisher ein ganz ordentlicher Mensch geblieben bin, so für meine Begriffe.“
„Ach Gustav“, sagte ich, „das sind so die Jahre, der Kommiss, der Krieg, kein Zuhause, - ich bin so verwildert. Es ist alles Mist.“
„Ja, ja, das kann schon sein“, sagte er, aber ich merke, dass er gar nicht hinhörte, es interessierte ihn nicht. Er reichte mir meine Brieftasche wieder hin. „Hier. Und jetzt musst du gehen. Deine Schlosserwerkzeuge behalte ich. Die Pakete lässt du liegen!“
„Gustav, sag mir wenigstens deine Adresse!“
„In zehn Minuten schieße ich ein paar Mal. Reg dich nicht weiter auf. Das ist, damit man mri glaubt, dass mir einer durch die Lappen gegangen ist. Aber dann musst du schon weit sein. Hau ab!“
„Gustav -“ „Hau ab, sag ich dir!“
Er stampfte mit dem Fuß auf. Ich ging.


Der Regen war zu einem feinen Nieselregen geworden, und die nasse Erde klebte mir an den Schuhen. Ich kam schlecht vorwärts. Kurz bevor ich die Straße erreicht hatte, hörte ich ein paar Schüsse. Es muss drei oder vier Uhr morgens gewesen sein.

Als ich ins Dorf kam, war Stanislaus längst da und saß seit ein paar Stunden im Auto und wartete auf mich, - sagte er wenigstens. Er hatte mein erstes Paket gefunden, weil er später mit einem Gegenzug zurückgefahren und an der alten Stelle abgesprungen war. Es war Morphium drin. Stanislaus selber hatte gar nichts. Trotzdem schimpfte er, weil ich so lange ausgeblieben war. Er behauptete, er wäre die Straße hin und her gefahren und hätte gehupt. Ich glaubte ihm das nicht. Stanislaus hatte gar keinen Grund, sich aufzuspielen. Er hatte gar nichts geschafft, und ich hatte auch noch den Kopf hingehalten.

Ich erzählte ihm nichts, sagte nur so unbestimmt, ich wäre zu weit gefahren und hätte mich verlaufen. Er glaubte mir, dass ich müde wäre, und ich setzte mich auf den hinteren Sitz. Stanislaus steuerte. Der Motor war so laut, dass er nicht hörte, wie ich heulte. Als Kind hatte ich mal Prügel bekommen, weil ich den Sonntagskuchen aufgegessen hatte, aber ich glaube. das war nicht so schlimm gewesen.

Jetzt sitze ich da und habe zu nichts Lust, kannst du das verstehen? Stanislaus drängelt mich, aber ich habe keine Lust. Das Morphium war gutes Geschäft. Zuviel will ich auch nicht verdienen, es ist doch mal alles hin.

Aber Gustav, mein Bruder, mein kleiner Bruder! Ich habe nicht gewusst, dass ich für jemanden so viel wert war! Du, das ist schön, oder es muss schön sein, denn ich habe es ja nicht gewusst. Aber bestimmt ist es schrecklich, wenn man es verliert. Ich hab’s verloren. Aber Gustav hat noch mehr verloren. Nicht mich, ach, du lieber Gott, das meine ich nicht, ich bin ja nichts wert. Aber oft liege ich nachts wach und denke, er hält es nicht aus, es macht ihn kaputt. Und wer ist schuld, wenn er vor die Hunde geht? Ich, ich, ich, ich, ich. Ob ich wirklich mal so ein Mensch gewesen bin, wie er’s gedacht hat? Ach mein kleiner Bruder, mein kleiner Bruder. -

von Günter Eich (1947)  "Züge im Nebel" Günter Eich wurde am 01.02.1907 in Lebus geboren und starb heute vor 41 Jahren am 20.12.1972. Den Text habe ich von der Seite Schoren Wiki kopiert .

 von pixabay werner22brigitte
eine lesenswerte Geschichte aus der Nachkriegszeit ,in der es um Bruderliebe, Neid, Vertrauen und Freundschaft geht. Oft verfolgen einen solch kurze Begegnungen ein ganzes Leben und zu dem Zeitpunkt ,wo man sie hatte ,ist einem die Tragweite gar nicht bewusst . 
Ich wünsche all meinen Lesern und Kreislingen frohe Weihnachten und einen guten Übergang in´s Jahr 2014.
 Herzlichst Elisabeth Bergner